Der Club der toten Dichter

Goethe, Hesse, Eichendorff - was wie die Leseliste für den Deutsch-Leistungskurs klingt, ist in Wirklichkeit eine kleine Auswahl jener Autoren, die für die Texte der Iserlohner Metal-Combo Leichenwetter verantwortlich zeichnen, denn das Quintett hat es sich auf die Fahnen geschrieben, die Lyrik deutscher Dichter vergangener Tage zu vertonen, und ist diesem Konzept auch beim jüngst erschienenen Album Letzte Worte treu geblieben.

"Die Grundidee reicht bis in meine Schulzeit zurück. In unserem Gedichtbuch fand ich immer wieder so geile Texte, dass ich irgendwann fand, sie seien zu schade, um in den Büchern zu verstauben. Also fing ich an, die Stücke mit Musik zu unterlegen", erinnert sich der Gitarrist Dawe an jene Momente, die letztlich zur Gründung von Leichenwetter führten. Wobei sich die Formation bei der Auswahl des Materials weder auf eine bestimmte Epoche noch Thematik festlegen möchte. "Größtenteils handeln die Gedichte von Gefühlen, meist von Trauer. Mit den schlesischen Webern ist auch ein politisches Gedicht auf der CD vertreten. In dem Werk, das auch zum bekannteren Schulkanon zählen dürfte, beschreibt Heinrich Heine die Wut der Weber, die sich von allen, vor allem dem Vaterland, verarscht fühlen. In den heutigen Zeiten bekommt es eine ganz eigene Bedeutung", erläutert Dawe, der gleichzeitig betont, dass Leichenwetter sich generell als unpolitische Band begreifen. Vielmehr steht die Liebe zu den hiesigen Poeten im Vordergrund, die sogar so weit geht, dass sich neben den Texten jeweils auch eine Kurzbiographie auf der Internetseite der Gruppe findet, was man schon beinahe als einen Beitrag zur Bildung werten könnte. "Natürlich sehen wir uns nicht als Retter der deutschen Lyrik. Wir bieten den Leuten höchstens eine kleine Plattform, um mit den Gedichten in Kontakt zu kommen", schränkt Dawe ein." Gedichte bedeuten für viele unangenehme Erinnerungen an die Schulzeit und erfolglose Versuche, die Interpretationen des Lehrers zu treffen. Das alles wollen wir nicht vermitteln. Wem die Texte zusagen, der darf sich damit beschäftigen, dazu seine eigenen Gedanken und Deutungen machen. Wer nur die Musik mag, braucht den Texten keine erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Die Musik funktioniert auch so.
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Dabei können die von brachialen Gitarren geprägten Klänge, mit denen das inzwischen meist maskiert auftretende Gespann die Gedichte untermalt, durchaus im Bereich der "Neuen Deutschen Härte" angesiedelt werden, was Leichenwetter auch immer wieder den fast unvermeidlichen Vergleich mit Rammstein eingebracht hat. "Na ja, gegenüber Leuten, die keinerlei Ahnung von derartiger Musik haben, habe ich uns selbst schon mal als grob Rammstein-ähnlich beschrieben", räumt Dawe ein, der sich von fachkundigerem Publikum jedoch eine differenziertere Beurteilung wünscht. "Wir haben fette Gitarren und deutsche Texte, aber das haben so viele andere Bands auch. Wenn durch solche Aussagen aber alle Rammstein-Fans unsere CD kaufen würden, hätten wir absolut nichts dagegen...."

( März 2005 / Daniela Sickinger )




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