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Passend
zur düsteren Jahreszeit erscheinen die Poetic Gothic
Metaller von LEICHENWETTER auf der Bildfläche und
wollen euch mit harter Musik und anspruchsvollen Texten
in ihren Bann ziehen.
Gitarrist DAWE gibt Einsicht in die Philosophie der Band
und äußert sich zu Plagiatsvorwürfen etc.
Ein
prägnanter Bandname ist bei der ganzen Flut an Bands/Veröffentlichung
heute wahrscheinlich noch wichtiger als bereits vor 20
Jahren, aber wie kommt man ausgerechnet auf LEICHENWETTER?
Der
Name LEICHENWETTER war eigentlich schon beim Schreiben
des ersten Songs vorhanden. Damals war ich noch mit meinem
Vierspurrekorder und dem Drumcomputer alleine. Aber jedes
Baby braucht ja einen Namen. Was ursprünglich gar
nicht so ernst gemeint war, verfestigte sich mit dem Einstieg
der weiteren Bandmitglieder immer mehr. Keiner von ihnen
wollte diesen Namen aufgeben. Im Prinzip hat der Name
keine tiefere Bedeutung, böse Zungen nennen ihn auch
"saublöd", aber gerade deshalb fällt
er auch auf. Und du hast recht, heutzutage ist das wahrscheinlich
sehr wichtig, denn in der Flut von Veröffentlichungen
gehen viele Bands einfach unter. Daher ist es wichtig,
durch gewisse Eigenheiten bei den Leuten im Gedächtnis
zu bleiben. Wer schon mal bei einem unserer Konzerte war,
der wird zum Beispiel wissen: "Leichenwetter, das
waren doch die mit den Masken..."
Ihr
habt alle, "Künstlernamen" und bis auf
Sänger Numen auch silberne Masken. Ganz neu ist diese
Art der "Verpackung" ja nicht (Stichwort CRIMSON
GLORY z.B.). Ist es wirklich so wichtig, einer Band auch
ein spezielles visuelles Image zu verpassen oder was steckt
bei Euch dahinter?
Wie
ich schon sagte, ist es schwierig in der Menge neuer Bands
überhaupt Beachtung zu finden. Natürlich sollte
das in erster Linie über die Qualität der Musik
funktionieren, aber eine Band muss vom potentiellen Fan
ja erst mal wahrgenommen werden, damit dieser mal in die
CD reinhört. Dazu ist es meines Erachtens schon wichtig,
dass eine Band auch über ihr Äußeres auf
sich aufmerksam macht und eventuell auch die entsprechenden
Leute anspricht. Der Urspung unserer Masken liegt in dem
Gedanken, dass wir auf der Bühne die Gedichte, die
wir ja vertonen, für sich selbst sprechen lassen
wollten. Unsere Aufgabe sollte eher die des gesichtslosen
Mediums sein. Und das haben wir so beibehalten. Außerdem
sind ja soo hässlich... Tja, und Numen muss leider
singen und kann sich nicht verstecken.
Euer
Sound besteht aus fetten Gitarren, teilweise harten elektronischen
Beats und einer meist düsteren Atmosphäre. Welcher
Szene (Gothic, Metal, Neue Deutsche Härte etc.) rechnet
ihr Euch eigentlich selber zu und setzt ihr Euch nicht
der Gefahr aus, euch zwischen allen Stühlen zu setzen?
Schließlich bilden die meisten Szenen ja einen in
sich geschlossenen Zirkel und sind nicht gerade als (musikalisch)
offenherzig zu bezeichnen.
Da
sprichst du einen Punkt an, über den sich auch viele
Kritiker nicht einig sind. Vielfach tauchen Vergleiche,
wenn nicht sogar Kopiervorwürfe, mit Rammstein auf.
Anderswo werden wir mit dem Gothic-Metal oder sogar Gothic-Rock
zugeordnet. Wir selber ordnen uns aber nicht strikt einer
dieser Spielarten zu. Ich denke, wir haben vielfältige
Einflüsse aus allen diesen genannten Genres, die
intuitiv unseren musikalischen Output beeinflussen. Das
liegt wohl an den musikalischen Hintergründen der
einzelnen Mitglieder. Unser Keyboarder Rudiator stammt
aus der Elektroszene und bringt die entsprechenden Zutaten
ein. Numen und ich haben unsere Wurzeln sowohl im Gothic
als auch im Metal. Und natürlich sind die NDH Bands
nicht spurlos an uns allen vorbeigezogen. In dieser Mixtur
liegt, wie du schon meinst, natürlich einerseits
die Gefahr, dass wir für alle Szenen nicht "rein"
genug sind. Andererseits hoffe ich natürlich, dass
gerade in der heutigen Zeit alles viel aufgeweichter ist.
In genau dieser Mischung kann also auch gerade ein Vorteil
liegen, weil wir Leute von unterschiedlichen Richtungen
ansprechen können.
Speziell
durch eure fetten Gitarren (und wahrscheinlich auch durch
Numens deutschen Gesang) werden immer wieder Vergleiche
zu RAMMSTEIN herangezogen, obwohl da ansonsten, auch was
die textlichen Aussagen angeht, eigentlich kaum Überschneidungen
bestehen. In wie weit nervt euch dieser permanente Vergleich?
Der
Vergleich stört uns schon etwas, weil er so laienhaft
wirkt. Ich selbst beschreibe unsere Musik schon mal als
in Richtung RAMMSTEIN gehend - aber nur gegenüber
jemandem, der überhaupt keine Ahnung von dieser Art
von Musik hat. Dann ist Rammstein schon eine grobe Orientierung.
Von Journalisten, die doch Experten sein sollten, erwarte
ich aber schon eine differenziertere Beschreibung. Die
einzigen Überschneidungen zwischen uns sehe ich wirklich
nur in den deutschen Texten und den fetten Gitarren. Und
dann nervt der Vergleich schon, vor Allem wenn uns vorgeworfen
wird, dass wir Rammstein kopieren. Und das ist gar nicht
unsere Absicht. Rammstein sind höchstens einer unserer
Einflüsse.
Textlich
verfolgt ihr ja mehr oder weniger ein ziemlich eigenständiges
Konzept, indem ihr auf "Letzte Worte" die Werke
bekannter deutscher Dichter (Heine, Hesse, Goethe etc.)
vertont habt. Wenn ich mich recht erinnere, haben alle
mir bekannten Leute immer einen recht großen Bogen
um den "Deutsch Leistungskurs" gemacht. Seid
Ihr also 5 gelangweilte Streber, die nun mit harter Musik
ihre dunkle Seite zum Vorschein bringen wollen?
Wenn
es uns nur darum ginge, unsere dunkle Seite zu zeigen,
könnten wir auch eigene Texte machen. Es gibt aber
so viele Gedichte, die es wirklich wert sind, gelesen
zu werden. Durch unsere Texte wollen wir dem Hörer
diese Gedichte anbieten. Er kann sie ignorieren und nur
als notwendige Texte zu der Musik, der er mag, sehen,
oder er kann sich näher mit ihnen beschäftigen.
In der Schule hat man diese Wahl ja nicht. Der Lehrer
bestimmt, welche Gedichte man liest, wie man sich ihnen
nähert und wie man sie interpretiert. Im schlimmsten
Fall werden die eigenen Assoziationen überhaupt nicht
berücksichtigt und er Spaß an Lyrik ist dahin.
Wir sind aber keine Ritter mit der heiligen Mission die
Gedichte zu retten, sondern wir zeigen: Es gibt coole
Gedichte. Macht damit, was ihr wollt.
Bei
solch anspruchsvollen Texten kann es ja zu 2 verschiedenen
Reaktionen kommen. Entweder fühlt sich der Hörer
überfordert und lässt daher vielleicht auch
die Band unberechtigterweise links liegen oder aber alle
stürmen nun zur nächsten städtischen Bibliothek
und plündern alles, was dort angestaubt in den Regalen
versauert. Daher keine Bedenken, viele Hörer mit
den Texten zu überfordern?
Wenn
wir die Gedichte nur mit einer Akustikgitarre untermalt
vortragen würden, sähe ich eher die Gefahr,
den Hörer zu verscheuchen. Aber die Texte sind ja
nur der halbe Teil vom Kuchen. Die Musik funktioniert
ja auch, ohne dass der Hörer sich bewusst ist, dass
er gerade Goethe hört. Und auf unseren Konzerten
kann man auch das Haupt schütteln und mitgröhlen,
ohne sich intellektuell vorzukommen. Ich hoffe nicht,
dass uns wegen der Texte jemand nicht mögen sollte.
Würden wir Englisch singen, verstände uns auch
nicht jeder Hörer komplett. Sollte aber jemand in
die nächste Bibliothek laufen, würde uns das
nur freuen.
Auch
wenn das textliche Konzept noch so interessant ist, dürfte
es sich spätestens beim übernächsten Release
schon etwas abgenutzt haben. ZWar dürfte es noch
massig Material geben, welches ihr verarbeiten könnt,
aber denkt ihr nicht, dass eure Fans auch Interesse an
Euren eigenen Gedanken haben.
Wir
vertonen die Gedichte ja nicht, weil es so ein interessantes
Konzept ist, sondern weil wir die Texte in Szene setzen
wollen. Daher wird das Konzept dann wohl nicht mehr neu
sein, aber hoffentlich immer noch so gut funktionieren.
Eigene Texte schließe ich zwar nicht kategorisch
aus, aber ich glaube nicht, dass das in naher Zukunft
zu sein wird. Zur Not gibt es ja auch noch massig englische
Lyrik. Zudem bin ich der Ansicht, dass Songtexte zu einem
großen Teil Kunstprodukte sind, die nicht unbedingt
die Gedanken des Schreibers wiederspiegeln. Da wären
wir wieder beim Lyrischen Ich und der Interpretation...
(Februar
2005 / Ingo )
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